Nachbarn helfen Nachbarn – wie aus spontaner Hilfe eine Caring Community wird

Die Einkäufe mitbringen, wenn der Nachbar seine Wohnung nicht mehr so leicht verlassen kann. Eine ältere Frau zum Arzt begleiten. Mit jemandem eine Runde spazieren gehen oder einfach auf einen Kaffee vorbeikommen. Vieles von dem, was Menschen im Alltag füreinander tun, würden wir vermutlich nicht als „Versorgung“ bezeichnen. Und genau darin liegt die Stärke des Konzepts einer Caring Community.

Denn wenn ein Mensch schwer erkrankt, verändert sich nicht nur sein Bedarf an medizinischer oder pflegerischer Unterstützung. Oft verändert sich der gesamte Alltag. Wege werden schwieriger, Kontakte brechen weg, Angehörige sind stark gefordert. Manche Freunde ziehen sich aus Unsicherheit zurück. Gleichzeitig gibt es im unmittelbaren Umfeld häufig Menschen, die durchaus helfen würden – wenn sie wüssten, dass Unterstützung gebraucht wird und was sie tun können. Das Konzept der Caring Community versucht, diese beiden Seiten zusammenzubringen. Es geht darum, Sorge für schwerstkranke, sterbende und trauernde Menschen nicht ausschließlich als Aufgabe professioneller Dienste zu verstehen, sondern als etwas, für das auch eine Gemeinschaft Verantwortung übernehmen kann.

Die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland beschreibt diesen Perspektivwechsel ausdrücklich als Entwicklung von einer vorwiegend institutions- und professionszentrierten Versorgung hin zu einer stärker gemeinschaftsorientierten Sorgekultur.

Hilfe, für die man kein Profi sein muss

Was eine Nachbarin oder ein Nachbar beitragen kann, ist etwas anderes als das, was ein ambulanter Hospizdienst, ein Pflegedienst oder ein spezialisiertes Palliativteam leistet. Niemand soll medizinische oder pflegerische Aufgaben übernehmen, für die Fachwissen erforderlich ist. Auch ehrenamtliche Hospizarbeit folgt eigenen Qualifizierungs- und Begleitungsstrukturen. Eine Caring Community verwischt diese Grenzen nicht,  sie erweitert vielmehr den Blick darauf, was Menschen benötigen und ohne großen Aufwand füreinander tun können.

Vielleicht braucht jemand Unterstützung beim Einkauf. Vielleicht fehlt eine Begleitung zum Café, weil der Weg allein zu beschwerlich geworden ist. Jemand anderes möchte nicht jeden Nachmittag allein verbringen. Angehörige wären vielleicht dankbar, wenn sie für zwei Stunden das Haus verlassen könnten. Und manchmal besteht Unterstützung schlicht darin, weiterhin ganz selbstverständlich an der Tür zu klingeln. Solche Dinge lassen sich nicht verordnen, und für viele davon gibt es keine professionelle Dienstleistung.

Gerade schwerstkranke Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens außerhalb medizinischer und pflegerischer Einrichtungen: zu Hause, im Wohnviertel und in ihrem persönlichen Umfeld. Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband beschreibt Caring Communities deshalb als Ergänzung einer gut ausgebauten Hospiz- und Palliativversorgung durch eine zivilgesellschaftliche Sorgekultur.

Compassionate Neighbours: Unterstützung aus der Nachbarschaft

International gibt es dafür Ansätze, die unter Begriffen wie „Compassionate Neighbours“ oder „Compassionate Communities“ entwickelt wurden. Der Grundgedanke ist verblüffend einfach: Menschen aus dem lokalen Umfeld werden darin unterstützt, anderen Menschen in ihrer Nachbarschaft bei schwerer oder chronischer Erkrankung, am Lebensende oder in Trauer zur Seite zu stehen.

Auch in Deutschland greift die Hospizbewegung diesen Gedanken zunehmend auf. Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband, die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin und die Bundesärztekammer haben das Thema Caring Communities im Rahmen der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen inzwischen ausdrücklich aufgegriffen. 2025 wurde dazu eine eigene Handlungsempfehlung veröffentlicht. Sie soll Kommunen und Regionen dabei unterstützen, sorgende Gemeinschaften aufzubauen und dauerhaft zu etablieren. Dabei geht es um mehr als die Vermittlung einzelner Ehrenamtlicher.

Die zugrunde liegende Idee lautet: Menschen in Krisensituationen sollten auf ein verlässliches soziales Netz treffen können – unabhängig davon, wie ihre familiäre Situation aussieht, woher sie kommen oder welche sozialen Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen.

Gute Nachbarschaft lässt sich nicht verordnen

Ein nachbarschaftlicher Besuchsdienst kann ein Baustein eines sozialen Netzes sein. Ebenso wichtig ist aber die Verbindung zu Hospizdiensten, Palliativversorgung, Beratungsstellen, Vereinen, Kirchengemeinden, kommunalen Angeboten und anderen Strukturen vor Ort. Damit entsteht allerdings ein Widerspruch: Gemeinschaft soll wachsen – gleichzeitig soll sie organisiert werden. Eine Kommune kann schließlich keine Nachbarschaft per Beschluss zur Caring Community erklären. Ebenso wenig lassen sich Freundschaft, Anteilnahme oder Mitgefühl als Dienstleistung planen.

Was sich organisieren lässt, sind die Bedingungen, unter denen daraus etwas entstehen kann. Es braucht Menschen oder Einrichtungen, die Kontakte herstellen. Es braucht Orte, an denen Menschen einander begegnen. Freiwillige müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn eine Situation sie überfordert. Professionelle Dienste wiederum müssen solche zivilgesellschaftlichen Strukturen kennen und ernst nehmen. Und vor allem müssen die Menschen vor Ort selbst beteiligt werden.

Die 2025 veröffentlichten Handlungsempfehlungen zur Charta betonen deshalb ausdrücklich die Rolle der Kommunen. Sie sollen Engagement fördern, öffentliche Kommunikation und Veranstaltungen unterstützen und die Entwicklung von Caring Communities inhaltlich, strukturell und finanziell begleiten. Eine Caring Community ist damit weder ein neuer Pflegedienst noch ein Ehrenamtsprogramm mit möglichst vielen Helferinnen und Helfern. Sie ist eher eine lokale Infrastruktur für gegenseitige Sorge.

Was passiert, wenn Hilfe komplizierter wird?

Caring Communities haben aber natürlich auch Grenzen. Was geschieht zum Beispiel, wenn aus dem gelegentlichen Einkauf eine regelmäßige Unterstützung wird? Was, wenn sich der Gesundheitszustand eines Menschen verschlechtert? Wenn eine Nachbarin mit einer Situation konfrontiert wird, die sie emotional belastet? Oder wenn sie merkt, dass professionelle Hilfe notwendig wäre? Eine funktionierende Caring Community muss deshalb auch ihre Grenzen kennen.

Nachbarschaftliche Unterstützung soll professionelle Versorgung nicht ersetzen. Sie muss mit ihr verbunden sein. Ein freiwillig engagierter Mensch sollte wissen, wo fachliche Hilfe erreichbar ist. Umgekehrt sollten professionelle Akteure wahrnehmen können, welche sozialen Ressourcen im Umfeld eines Menschen vorhanden sind. Genau diese Verbindung ist entscheidend. Der Runde Tisch der Charta verweist darauf, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die professionellen Hospiz- und Palliativstrukturen ausgebaut hat. Diese bleiben unverzichtbar. Nun rückt ergänzend stärker die Frage in den Mittelpunkt, wie gesellschaftliche Sorgekulturen entstehen können.

Der Aufbau von Caring Communities ist kein Rückzug des Sozialstaats zugunsten unbezahlter Nachbarschaftshilfe. Caring Communities funktionieren nur dann, wenn professionelle Verantwortung, öffentliche Daseinsvorsorge und zivilgesellschaftliches Engagement zusammengedacht werden, statt das eine durch das andere zu ersetzen.

Von der Hilfsbereitschaft zum Netzwerk

Für PALLAS liegt hier eine der zentralen Fragestellungen. In vielen Orten gibt es bereits engagierte Menschen. Es gibt Hospizvereine, Nachbarschaftsinitiativen, Kirchengemeinden, Seniorenarbeit, Selbsthilfegruppen, Vereine und kommunale Angebote. Häufig existieren diese Strukturen jedoch nebeneinander. Eine sorgende Gemeinschaft entsteht nicht allein dadurch, dass möglichst viele davon vorhanden sind. Entscheidend ist, ob Menschen voneinander wissen, miteinander kooperieren und im entscheidenden Moment zueinanderfinden.

PALLAS untersucht deshalb, wie professionelle Palliativversorgung, Hospizarbeit, freiwilliges Engagement, kommunale Strukturen und das unmittelbare soziale Umfeld von Menschen besser miteinander verbunden werden können. Die Modellstandorte des Projekts sollen dabei zeigen, was vor Ort funktioniert, welche Rahmenbedingungen notwendig sind und welche Erfahrungen sich auf andere Kommunen und Quartiere übertragen lassen.

Vielleicht beginnt eine Caring Community tatsächlich mit etwas so Einfachem wie einem Nachbarn, der fragt: „Soll ich dir etwas vom Supermarkt mitbringen?“ Damit daraus ein Netz wird, das auch bei schwerer Krankheit, Sterben und Trauer trägt, braucht es jedoch mehr: Beziehungen, Vertrauen, Wissen, erreichbare professionelle Unterstützung – und Strukturen, die all das miteinander verbinden. Wie gesagt,  eine sorgende Gemeinschaft ersetzt professionelle Hilfe nicht. Sie sorgt dafür, dass zwischen professioneller Hilfe und privatem Umfeld kein leerer Raum entsteht.

Paula Musterfrau

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